Verdichtung mit sozialem Augenmass: Genossenschaftlicher Ersatzneubau in Zürich-Seebach
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Die Siedlung Birch der Baugenossenschaft Linth-Escher in Zürich-Seebach. Links der Neubau der Etappe Süd, rechts die Bestandesbauten der Etappe Nord. [Foto Annett Landsmann]
Mit Birch Seebach entwickelte die Baugenossenschaft Linth-Escher in Zürich-Seebach einen neuen genossenschaftlichen Quartierbaustein mit Wohnungen, Gemeinschaftsräumen, quartierbezogenen Gewerbenutzungen und grosszügigen Freiräumen. Naef & Partner begleitet das Projekt seit 2021 als Bauherrenvertreterin und steuert die etappierte Realisierung eines sozial und ökologisch ausgerichteten Ersatzneubaus mit hoher städtebaulicher Wirkung.
Wie aus einer Nachkriegssiedlung ein neuer genossenschaftlicher Quartierbaustein entstand
Wer heute entlang der Glattalstrasse durch Zürich-Seebach fährt, spürt, dass sich das Quartier verändert. Zwischen bestehenden Wohnsiedlungen, neuen Infrastrukturen und wachsender urbaner Dichte entsteht Schritt für Schritt ein neuer Stadtteil. Genau an dieser Schnittstelle liegt Birch Seebach: eine Siedlung, die nicht nur zusätzlichen Wohnraum schafft, sondern den Auftakt zu einer grösseren Transformation bildet.
Wo früher eine kleinteilige Nachkriegssiedlung stand, entsteht seit 2021 ein neuer genossenschaftlicher Quartierbaustein mit Wohnungen, Gewerbe, Gemeinschaftsräumen und grosszügigen Freiräumen. Die Lage direkt an der Glattalstrasse macht das Projekt zu einer Art Eingangstor in die Birchstrasse und verleiht ihm eine besondere städtebauliche Bedeutung.
Die Etappen Süd und Nord der Siedlung Birch im städtebaulichen Kontext. [Plandarstellung Marianne Schmollgruber]
Doch Birch Seebach ist mehr als ein grosses Neubauprojekt. Die eigentliche Herausforderung bestand darin, Verdichtung mit sozialer Verantwortung zu verbinden und aus einer bestehenden Siedlung heraus einen Ort zu entwickeln, der langfristig funktioniert: für die Genossenschaft, für die Bewohnenden und für das Quartier.
Warum der Ersatzneubau in Zürich-Seebach mehr sein sollte als Verdichtung
Die bestehende Siedlung war in die Jahre gekommen. Der bauliche Zustand und die steigenden Anforderungen an zeitgemässes Wohnen machten eine grundlegende Erneuerung notwendig. Gleichzeitig bot die Lage grosses Entwicklungspotenzial. Die Baugenossenschaft Linth-Escher entschied sich deshalb bewusst gegen eine reine Sanierung und für eine umfassende Ersatzneubau-Strategie zur etappierten Quartierentwicklung.
Bei der in die Jahre gekommenen Siedlung bestand baulicher Handlungsbedarf. [Foto Nadine Kägi]
Im Zentrum stand dabei nicht allein die Frage nach zusätzlicher Dichte, sondern jene nach der zukünftigen Identität des Ortes. Wie lässt sich ein gewachsenes Quartier weiterentwickeln, ohne dessen sozialen Charakter zu verlieren? Wie kann mehr Wohnraum entstehen, ohne dass die Siedlung ihre Offenheit und Alltagstauglichkeit einbüsst?
«Für uns geht es nicht darum, einfach zu erneuern, sondern die Siedlungen so weiterzuentwickeln, dass sie auch in Zukunft bezahlbaren und lebenswerten Wohnraum bieten. Dabei wollen wir die bestehenden Qualitäten bewahren und gleichzeitig neue Perspektiven schaffen.»
Dr. Enrico MagroPräsident Vorstand BGLE [Foto BG Linth-Escher]
Der Anspruch war klar: Birch Seebach sollte nicht einfach grösser werden, sondern vielfältiger, offener und zukunftsfähiger.
«Es guets Gmisch»: soziale Durchmischung im genossenschaftlichen Wohnungsbau
Der Claim der Siedlung wirkt auf den ersten Blick einfach und beinahe selbstverständlich. Tatsächlich beschreibt er jedoch sehr präzise die Haltung hinter dem Projekt.
«Es guets Gmisch» meint nicht nur eine Mischung unterschiedlicher Wohnungstypen oder Altersgruppen. Gemeint ist eine bewusste soziale und räumliche Durchmischung: unterschiedliche Haushaltsformen, verschiedene Lebensphasen, vielfältige kulturelle Hintergründe und ergänzende Nutzungen für den Alltag.
Mit insgesamt 291 Wohnungen, Gemeinschaftsräumen, einer Kita sowie Gewerbeflächen für quartierbezogene Angebote entstand ein lebendiges Stück Stadt, das sich nicht nach innen abschottet, sondern mit dem Quartier verbindet. Unterschiedliche Wohnungsgrössen und Typologien ermöglichen eine breite Bewohnerschaft. Gleichzeitig schaffen gemeinschaftliche Bereiche Orte der Begegnung und des Austauschs.
Grosszügige Aussenräume laden zum Begegnen und Verweilen ein. [Foto Annett Landsmann]
Die erzielte Bewohnerstruktur zeigt heute, dass dieser Anspruch tatsächlich eingelöst werden konnte. Menschen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen, Einkommen und Hintergründen leben hier Tür an Tür. Gerade diese Vielfalt prägt die Atmosphäre der neuen Siedlung.
Klimaangepasste Freiräume und ein Wald mitten im Innenhof
Besondere Aufmerksamkeit galt den Aussenräumen. Sie wurden nicht als Restflächen verstanden, sondern als zentraler Bestandteil der Entwicklung.
Im Innenhof der ersten Etappe entstand ein eigener kleiner Wald. Was zunächst beinahe überraschend wirkt, folgt einer klaren Idee: Der Freiraum soll langfristig Aufenthaltsqualität schaffen und gleichzeitig auf zunehmende klimatische Herausforderungen wie Hitzeentwicklung im urbanen Raum reagieren. Die grossen Bäume sorgen schon heute für Schatten und ein spürbar angenehmeres Mikroklima.
Vielfältige Erholungs- und Spielmöglichkeiten im Innenhof der Etappe Süd. [Foto Nadine Kägi]
Mit dem Baustart der ersten Etappe im Jahr 2021 begann sich diese Idee erstmals konkret im Stadtraum abzuzeichnen. Als die ersten Wohnungen 2024 bezogen wurden, zeigte sich rasch, wie stark die Freiräume das Leben innerhalb der Siedlung prägen.
Die Aussenräume verbinden unterschiedliche Nutzungen miteinander und schaffen Orte für Begegnung, Rückzug und Alltag. Wege, Plätze und Grünflächen greifen ineinander und geben der Siedlung eine eigene Identität.
Auch technisch wurde das Projekt konsequent auf langfristige Nachhaltigkeit ausgerichtet: Minergie-P-Eco, Fernwärme, Photovoltaik und eine sorgfältige Materialisierung bilden die Grundlage für einen ressourcenschonenden und langfristig nachhaltigen Betrieb der Wohnsiedlung. Entscheidend ist jedoch weniger die Summe einzelner Massnahmen als das Zusammenspiel von sozialer, räumlicher und ökologischer Qualität.
Grossprojekt mit etappiertem Ersatzneubau
Birch Seebach war das grösste Bauprojekt in der Geschichte der Baugenossenschaft Linth-Escher. Entsprechend hoch waren die Anforderungen an Organisation, Steuerung und Entscheidungsprozesse.
Als Naef & Partner 2021 die Bauherrenvertretung in einer bereits fortgeschrittenen Projektphase übernahm, galt es zunächst, sich rasch in die bestehende Planung einzuarbeiten und gleichzeitig Stabilität in den Gesamtprozess zu bringen. Neben der operativen Steuerung standen auch Projektoptimierungen und die kritische Überprüfung bestehender Lösungen im Fokus.
Die Entwicklung erfolgte etappiert. Damit verbunden waren anspruchsvolle Fragen rund um sozialverträgliche Umsiedlungen, etappierte Realisierung und Übergangslösungen für die Bewohnenden. Gleichzeitig mussten Erkenntnisse aus der ersten Bauetappe laufend in die zweite Etappe überführt werden.
Eine Aufnahme der beiden Etappen während der Bauphase der Etappe Nord im Juni 2026. [Foto Annett Landsmann]
Gerade in dieser Konstellation zeigte sich, wie wichtig eine partnerschaftliche Projektkultur ist. Die Zusammenarbeit zwischen Genossenschaft, Planungsteams, Unternehmungen und Bauherrenvertretung war geprägt von einem gemeinsamen Verständnis für die langfristigen Ziele des Projekts.
Wie Bauherrenvertretung und Prozesssteuerung die Qualität sichern
In der Rolle als Bauherrenvertreterin begleitete Naef & Partner die Umsetzung über sämtliche Ausführungsphasen hinweg: von der Ausschreibung über die Ausführungsplanung und die Realisierung bis zur Inbetriebnahme.
Im Zentrum standen dabei nicht nur Kosten-, Termin- und Qualitätsmanagement, sondern vor allem die strukturierte Führung eines komplexen Gesamtprozesses. Verträge mussten verhandelt, Entscheidungen vorbereitet, Risiken frühzeitig erkannt und unterschiedliche Interessen zusammengeführt werden. Gleichzeitig galt es, die hohe Qualität des Projekts auch unter den Rahmenbedingungen eines Grossprojekts konsequent weiterzuentwickeln.
«Bei unserem bisher grössten Bauprojekt war für uns entscheidend, eine Bauherrenvertretung an der Seite zu haben, die fachlich stark ist, strukturiert führt und gleichzeitig partnerschaftlich mitdenkt. Naef & Partner hat uns in der Umsetzung, bei den Optimierungen und in anspruchsvollen Entscheidungsprozessen sehr wirkungsvoll unterstützt.»
Jérôme Lutzdamals Präsident Baukommission Neubau Seebach, heute Geschäftsführer BGLE [Foto BG Linth-Escher]
Wie Birch Seebach einen Beitrag zur Weiterentwicklung von Zürich-Seebach leistet
Mit Birch Seebach ist nicht einfach eine neue Wohnsiedlung entstanden. Das Projekt zeigt exemplarisch, wie zeitgemässe genossenschaftliche Quartierentwicklung und sozialverträgliche Verdichtung funktionieren können: dichter, urbaner und gleichzeitig sozial verankert.
Die Siedlung schafft neuen Wohnraum, ohne sich vom Quartier abzukoppeln. Sie verbindet unterschiedliche Lebenswelten miteinander und reagiert gleichzeitig auf die Herausforderungen einer wachsenden Stadt. Gerade die Kombination aus sozialer Durchmischung, klimaangepassten Freiräumen und sorgfältiger Prozessführung verleiht dem Projekt eine Wirkung, die über das Areal hinausreicht.
Damit wird Birch Seebach auch zu einer Art Referenz für weitere Entwicklungen im Quartier und darüber hinaus.
Modellaufnahme des Endzustands mit den beiden Etappen Süd (unten) und Nord (oben). [Foto Enzmann Fischer AG]
Die Geschichte geht weiter: Wie sich Birch Seebach bis 2027 weiterentwickelt
Noch ist die Entwicklung nicht abgeschlossen. Mit der zweiten Etappe wird sich das Quartier bis 2027 weiter verändern und verdichten. Schritt für Schritt entsteht so ein neuer genossenschaftlicher Stadtbaustein mit Wohnungen, Freiräumen und quartierbezogenen Nutzungen.
Bereits heute zeigt sich jedoch, welche Richtung eingeschlagen wurde. Aus einer Nachkriegssiedlung entsteht ein Stück Stadt: offen, vielfältig und langfristig gedacht.
Oder, wie es der Claim der Siedlung treffend beschreibt: Einfach «es guets Gmisch».